Ich baue Websites. Trotzdem sage ich in etwa jedem fünften Erstgespräch: „lass es sein". Weil nicht jeder Betrieb eine Website braucht — und wenn ich dich zu einer verkaufe die dir nichts bringt, bin ich kein Berater sondern Verkäufer.
Hier die Fälle in denen ich ehrlich davon abrate. Wenn du dich in einer davon wiedererkennst, spar dir die 1.500 €.
Fall 1: Reine Empfehlungs-Betriebe mit vollem Auftragsbuch
Wenn du Handwerker bist, seit 20 Jahren im Ort, alle Kunden kommen über Weiterempfehlung, und du hast einen Auftragsvorschub von 6–12 Monaten — wozu willst du mehr Anfragen?
Eine Website generiert Traffic. Traffic = Anfragen. Anfragen = Arbeit. Wenn du keine Arbeit mehr annehmen kannst, kostet dich jede zusätzliche Anfrage Zeit für Absagen. Das ist negativ produktiv.
Was du in diesem Fall brauchst: eine winzige Präsenz. Google Business Profile (kostenlos), evtl. eine 1-Seite-Website mit Adresse, Telefon, Öffnungszeiten. Fertig. 1.500 € Custom-Website ist rausgeworfenes Geld.
Ausnahme: wenn du planst, den Betrieb zu vergrößern oder Nachfolger einzuarbeiten. Dann macht Investieren in Sichtbarkeit Sinn — auch wenn du aktuell voll bist.
Fall 2: Mikro-Nischen mit unter 100 potenziellen Kunden
Wenn dein Zielmarkt so klein ist, dass du alle potenziellen Kunden persönlich kennst oder in 1–2 Netzwerken erreichbar sind — braucht deine Website niemand.
Beispiele:
- Spezial-Handwerker mit hochpreisigen Nischen-Produkten (Restaurator für 18. Jahrhundert-Möbel)
- B2B-Berater für spezifische Regulatory-Themen wo es 50 relevante Unternehmen in Deutschland gibt
- Familienunternehmen mit generationenlanger Kundenbeziehung
In diesen Fällen: deine Kunden kommen über LinkedIn, Fachverbände, persönliche Empfehlung — nicht über Google. Eine Website ist maximal Visitenkarten-Bestätigung, nicht Kunden-Kanal.
Was reicht: LinkedIn-Profil professionell, evtl. eine 1-Seiter (z.B. auf Carrd.co für 20 $/Jahr).
Fall 3: Temporäre oder saisonale Projekte
Popup-Restaurant für 3 Monate. Ferienhaus-Vermietung nur Juni–August. Weihnachtsmarkt-Stand mit Vor-Weihnachts-Verkauf. Für diese Projekte ist eine Custom-Website Overkill.
Was funktioniert: Wix, Squarespace, oder sogar Airbnb / Google Business Profile allein. In 2–4 Stunden aufgesetzt, für die Saison ausreichend, danach wieder abschaltbar.
1.500 € Custom-Website für 3 Monate Nutzung = 500 €/Monat effektive Website-Kosten. Absurd. Baukasten für 30 €/Monat = viel sinnvoller.
Fall 4: Wo Instagram (oder eine andere Plattform) alles trägt
Manche Betriebe funktionieren auf Instagram besser als jede Website je könnte:
- Tattoo-Studios (Portfolio ist visuell, alles auf Insta)
- Bäckereien mit Foto-heavy Content
- Kleine Modelabels
- Manche Gastronomien mit starkem Community-Charakter
Wenn deine Insta-Präsenz aktiv ist, du dort täglich Content postest, DMs beantwortest und Kunden dich dort finden — deine Website ist redundant. Höchstens als „digitale Visitenkarte" nötig (Adresse, Öffnungszeiten, Kontakt).
Was reicht: Google Business Profile + Insta-Profil mit klarer Bio + Linktree für zusätzliche Links.
Warnung: Instagram gehört dir nicht. Wenn dein Account morgen gesperrt wird, ist deine ganze Kunden-Reichweite weg. Deshalb IMMER auch Google Business Profile als Backup-Kanal, unabhängig von Instagram.
Fall 5: Reine B2B mit direktem Sales-Motion
Du verkaufst an große Unternehmen. Deine Deals kommen über Cold-Outreach, Warm-Introduction, Konferenzen. Kein Website-Besucher hat je bei dir gekauft.
In diesen Fällen ist die Website Trust-Signal für den Sales-Prozess, nicht Kunden-Akquise. Sie muss existieren und professionell aussehen. Sie muss nicht optimiert sein für Traffic oder Conversion.
Was reicht: eine 3-Seiten-Site (Was macht ihr, Wer seid ihr, Kontakt), sauber gebaut, dann für 3 Jahre nicht mehr angefasst. 800 € einmalig reicht. 1.500 € ist auch OK aber Overkill.
Wer trotzdem eine „irgendwas"-Präsenz braucht
Auch die 5 Fälle oben brauchen minimales Online-Setup:
Google Business Profile — kostenlos, essentiell für Local Search. Adresse, Öffnungszeiten, Fotos, Bewertungen. 30 Min Setup, hält Jahre.
Grundlegende Erreichbarkeit — Telefon, E-Mail, Adresse muss irgendwo googlebar sein. Ob auf eigener 1-Seite oder in fremden Verzeichnissen (Handelskammer, Gelbe Seiten) — egal.
Google-Bewertungen aktiv managen — Kunden bitten, hinterlegte beantworten. Vertrauens-Multiplikator ohne eigene Website nötig.
Das kostet zusammen ~5 Stunden Setup + 30 Min/Monat Pflege. Und ersetzt für kleine Nischen-Betriebe eine ganze Website.
Wann eine Website Sinn macht
Positive Kehrseite: eine Website ist Investment wert wenn:
- Du willst wachsen (mehr Kunden, mehr Umsatz, größere Reichweite)
- Deine Zielgruppe googlet aktiv nach dir oder deinem Angebot
- Du willst dich professionell positionieren gegenüber größeren Wettbewerbern
- Du willst Kontroll über dein Marketing (nicht abhängig von Plattform-Algorithmen)
- Du willst Recruiting-Support (siehe Handwerk-Recruiting-Artikel)
- Du willst 24/7 verfügbar sein ohne Menschen zu blockieren
Wenn davon 3+ zutreffen: Website macht Sinn.
Wenn weniger als 2 zutreffen: spare dir das Geld.
Fazit
Nicht jeder Betrieb braucht eine Website. Wer eine schöne Site verkauft die dann nichts bringt, hat einen Kunden für einen Auftrag — nicht für eine Beziehung.
Ich rate lieber ab und verliere den einen Auftrag als dass ich dich in eine Investment schicke die dir nichts bringt. Wenn du dir unsicher bist ob deine Situation Website-Bedarf hat: 30-Minuten-Erstgespräch buchen — wir schauen gemeinsam ehrlich drauf. Wenn ich sage „für dich nicht sinnvoll", spart dir das 1.500 €. Wenn ich sage „für dich lohnt es sich", weißt du warum.
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